Sorgenmorgen

soucis-02/09 #05 Gestern ging es ihrem Paul nicht gut. Sie hatten sich vor vier Jahren beim Sonntagnachmittagstanz ineinander verliebt. Bald zog er zu ihr. Sie veränderte sich, wurde weich, leichter im Umgang mit dem, was man so sagt. zog sich schick an, bergan das Leben zu genießen. Eine ihrer drei Töchter, die schräg gegenüber in dem dritten unserer vier Häuser auf weiter Flur wohnt, wollte sie lieber auf dem Friedhof und auch entmündigt, denn glücklich mit Paul sehen. Zu ihrem Unglück kommt hinzu, dass ihr verstorbener Vater, der große Bürgermeister, dessen Tod sie nicht akzeptiert, so sagt sie, auch Paul hieß. Drei Jahre Schweigen folgten. Das bedeutete Schmerz und Wut für Carmen. Aber sie hielt zu ihrer Liebe. „Wie oft kann mir alten Frau denn nochmal so was Schönes passieren?“, sagte sie mir. Zum Ersatz durfte ich Weihnachten an den Familientisch. Seitdem geht das jedes Jahr so. Jetzt haben sich die Wogen geglättet. Über den Verdruss der verlorenen Wahl ihres einzigen Sohnes zum künftigen Bürgermeister reichte man sich letztes Frühjahr die Hände. Paul hat eine Wohnung im Luberon. Dort sind sie von Montag Nachmittag bis Freitag morgen. Das Wochenende sind sie hier. Da kommt der Sohn am Samstag zum Mittagessen, ‘Le Petit’, wie er immer noch heißt, so dick und bluthochdrücklerisch auch immer er sein möge. In der Luberonwohnung gäbe es eine wundervolle Dusche, schwärmt sie. Auch einen Club, gleich nebenan, wo mittags gekocht würde und nachmittags Karten gespielt. Sie müsse gar nichts mehr tun. Herrlich. Gestern kam ich rüber und er bat mich weißgesichtig die Rettung zu rufen und Carmen schimpfte, neinnein, was willst Du denn im Hospital, da pumpen sie Dich mit Drogen voll und nichts weiter..Paul hat schrecklich brennende Fußsohlen. Glühend heiß seien sie, er steht vom Sofa auf und nimmt im Sessel Platz, kurz darauf wieder zurück, zum Sofa, die Füße anziehen zu sich, ausstrecken, aufstehen, Sessel. Der Arzt könne nichts machen, meinte Paul, auch sei er so traurig, dass er Carmen beunruhigen müsse, aber er will ins Spital, da soll man ihn betäuben, dann wäre es endlich gut. Sie hielt dagegen. Rief seine Tochter an. Auch sie nicht einverstanden mit einer Abholung. Ich konnte nichts für sie beide tun. Heute morgen erzählte sie, es habe sich gelegt am Abend. Wärme sei den Fußsohlen zugereicht worden, in Form eines auf dem Holzofen erhitzten Ziegelsteins. Sonst sei es ein Eisblock aus dem Tiefkühlfach zur Linderung des Fußbrennens gewesen, ganz falsch, wie der Arzt meinte. Auch habe man sich mit Kartenspielen und nebenher laufender Glotze abgelenkt. Er habe dann geschlafen.

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